Bremen historisch
So jung kann alt sein
1.200 Jahre Tradition und Weltoffenheit prägen Bremen, die Hansestadt an der Weser. Wer sich mit offenen Augen auf Zeitreise begibt, findet viele Zeugen der langen Geschichte und jede Menge spannende Geschichten.
Eine davon rankt sich um das heimliche Wahrzeichen der Hansestadt: die von Gerhard Marcks entworfene Bronzestatue der Bremer Stadtmusikanten neben dem Rathaus. Das Märchen von den Sagengestalten ist in aller Welt bekannt und seit den Brüdern Grimm so eng mit Bremen verbunden wie Rathaus und Roland. Wer den Esel an den Beinen berührt, hat einen Wunsch frei. Dabei müssen die Beine des Esels mit beiden Händen leicht gerieben werden, sonst ist der Wunsch für die Katz’. Übrigens bedeutet die unkorrekte Variante, bei der nur eine Hand zum Einsatz kommt, aus Sicht der Bremer, dass sich zwei Esel "Guten Tag" sagen.
Gleich neben den Stadtmusikanten ist der Eingang zum ältesten Weinkeller Deutschlands, dem Ratskeller von 1409. Mit 650 klangvollen Sorten beherbergt er die größte Sammlung deutschen Weins. Nicht nur Heinrich Heine ließ sich hier schon zu einem Gedicht inspirieren, auch Wilhelm Hauff verfasste seine Novelle „Phantasien im Bremer Ratskeller“ an Ort und Stelle.
Besonders stolz sind die Bremer auf ihr über 600 Jahre altes Rathaus mit seiner Fassade im Stil der Weserrenaissance, das die UNESCO zusammen mit der Roland-Statue 2004 zum Welterbe der Menschheit erklärte. In der oberen Rathaushalle, dem schönsten und repräsentativsten Festsaal Bremens, tagte früher der Stadtrat. Die Bedeutung von Handel und Schifffahrt zeigt sich bis heute an den Schiffsmodellen, die von der Decke hängen.
Nicht weniger imposant als das Rathaus ist der wenige Meter davor stehende Roland. Aus Stein gemeißelt steht er nun seit über 600 Jahren auf dem historischen Bremer Marktplatz und verkörpert den Freiheitswillen der Bremer. An der Ostseite des Rathauses erhebt sich der St. Petri-Dom mit seinen Türmen 99 Meter in die Luft. Nach einem ungeschriebenen Gesetz soll in Bremen kein Gebäude errichtet werden, das höher als der Dom ist.
Nur wenige Gehminuten entfernt betritt man mit dem ältesten Stadtviertel Bremens fast schon eine andere Zeit. Kleine, schmale Fachwerkhäuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert reihen sich aneinander wie die Perlen an einer Schnur, plattdeutsch "Schnoor". Im Schnoor schlendern Besucher in unmittelbarer Nähe der Weser zwischen Goldschmiede- und Kunsthandwerk, ruhen sich in einem der zahlreichen Cafés oder Restaurants aus, erwerben Mitbringsel oder tauchen im Bremer Geschichtenhaus ein in die Geschichte der Hansestadt. Hier lernen Besucher viele Bremer Originale kennen, darunter die berüchtigte Giftmörderin Gesche Gottfried.
Vom Schnoor aus sind es nur ein paar Meter flussabwärts entlang der Weserpromenade Schlachte zu einem einmaligen Kunst- und Architekturprojekt des Bremer Kaffeekaufmanns Ludwig Roselius Anfang des 20. Jahrhunderts: die Böttcherstraße. Er ließ die Gasse im Stil des Expressionismus weitgehend neu bauen – ein einzigartiges Gesamtkunstwerk, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, aber wiederaufgebaut wurde. Zu den Besonderheiten der Böttcherstraße gehört zum Beispiel ein Glockenspiel mit Glocken aus Meißner Porzellan. Auch war das von Roselius geschaffene Paula-Modersohn-Becker-Haus das erste Museum weltweit, das einer Frau gewidmet war.
Zurück auf den Marktplatz: Gleich rechts vom Eingang zur Böttcherstraße und dem Rathaus direkt gegenüber residiert die Handelskammer im Schütting. An der Front des im Renaissance-Stil entworfenen Gebäudes prangt der Leitspruch der Kaufleute: "buten un binnen, wagen un winnen". Das plattdeutsche Motto bedeutet so viel wie: "drinnen und draußen, wagen und gewinnen". Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde beim Wiederaufbau die Außenfront in ihrer alten Form rekonstruiert, während die Innenräume neu gestaltet wurden. Nur wenige Gehminuten vom Schütting entfernt steht die Bremer Stadtwaage, in der jeder Händler seine Waren wiegen lassen musste. Auch sie fiel einem Bombardement zu Opfer, sodass die rekonstrierte Fassade im Stil der Weserrenaissance heute einen Neubau verbirgt.
Ein wenig abseits des Stadtkerns können historisch Interessierte im Focke-Museum für Kunst und Kulturgeschichte in die Geschichte Bremens eintauchen. Hier steht übrigens auch der echte Kopf des Roland!
Den Wandel in den alten Häfen erleben Besucher in der Überseestadt. Auf einer der größten Baustellen Europas entsteht hier mitten zwischen alten Hafengebäuden Bremens modernstes Arbeits-, Gewerbe-, Wohn- und Freizeitquartier. Der Speicher XI steht dafür beispielhaft: In dem alten Lagerhaus findet sich heute eine innovative Mischung aus Kunst, Kultur und Büroalltag.
















