21.05.2012, 10:31
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Von Knipp und Kaviar, fleißigen Schaffern und kleinen Schneidern
15 ganz in Frack und Zylinder gewandete Honoratioren und ein 99 Pfund schwerer Schneider: Sie sind die Hauptpersonen bei einer der vielen kuriosen Traditionen in Bremen: der Eiswette. Jeweils am 6. Januar, dem Dreikönigstag, kommen Jahr für Jahr Hunderte von Schaulustige Schlag 12 Uhr zum Punkendeich unterhalb der Kunsthalle, um den Honoratioren und dem Schneiderlein dabei zuzuschauen, wie sie die Weser auf Begehbarkeit testen. "Geiht" der Fluss oder "steiht" er, fließt er oder ist er zugefroren? Um das festzustellen, soll der Schneider mitsamt einem glühenden Bügeleisen trockenen Fußes von einem Ufer an das andere gelangen.
Weil die Weser aber seit 1946 nicht mehr zugefroren, lässt sich der Schneider von einem Rettungsboot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger übersetzen. Was den Ausgang der Wette vorhersehbar macht, die deshalb heute per Los entschieden wird. Es müssen sich ja Verlierer finden, die das anschließende große Essen bezahlen. Dabei wird dann zugunsten der DGzRS gesammelt.
Ums Essen an und für sich geht es bei der Schaffermahlzeit, auf die die Bremer sehr stolz sind, weil sie als ältestes, alljährliches Brudermahl der Welt gilt. Die Schaffermahlzeit ist seit 1545 ein Abschiedsessen der Schiffer und Kaufleute nach langen Wintermonaten daheim, aber auch eine Zusammenkunft zum Wohle der Stiftung "Haus Seefahrt". Eine fünfstündige Veranstaltung voller Rituale: die Speisen- und Getränkefolge ist ebenso genau festgelegt wie die Reihenfolge der Reden zwischen den Gängen.
Ausgerichtet und finanziert wird das Mahl durch die "Schaffer", drei kaufmännische Mitglieder des Vereins "Haus Seefahrt", die jährlich neu gewählt werden. Eine große Ehre – wie auch, zur Schaffermahlzeit eingeladen zu werden. Den meisten werden sie nur einmal im Leben zuteil, der Bremer Bürgermeister aber ist immer dabei und auch Persönlichkeiten wie Bundespräsident Horst Köhler wurden zweimal eingeladen. Frauen hatten lange Zeit – wie nach wie vor bei der Eiswette – keinen Zutritt, inzwischen sind sie aber als Gäste zugelassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel war 2007 erster weiblicher Ehrengast. Die weiblichen Begleitungen der Gäste werden während des Mahls im Nebenraum bewirtet. Anschließend darf gemeinsam getanzt werden.
Es geht auch volkstümlicher. Kohltouren, Kohlwanderungen oder auch Kohlfahrten sind eine beliebte bremische Beschäftigung in den ersten Wochen nach dem Jahreswechsel. Dabei fährt allerdings höchstens der Bollerwagen. Er transportiert allerlei vorwiegend alkoholische Getränke. Die Kohlwanderer nehmen sie oft mit kleinen Schnapsgläsern zu sich, die sie an einem Band um den Hals tragen. Die Truppe läuft sich hungrig, um sich beim anschließenden Braunkohlessen so richtig den Bauch vollzuschlagen.
Junge Männer mit Schnapsgläschen kann man zu allen Jahreszeiten auch mitten in der City sehen: an den Bremer Domtreppen. Einer in der Gruppe ist dann gerade beim Treppenfegen – mit einem Besen oder sogar bloß mit einer winzigen Zahnbürste. Einem Bremer Brauch zufolge muss nämlich ein unverheirateter Mann an seinem 30. Geburtstag die Treppen vor dem Haupteingang des Doms fegen. Freunde und Bekannte sorgen für ausreichend Müll, zum Beispiel in Form von Kronkorken. Das Geschehen wird gern in der Tageszeitung angekündigt, von Drehorgelmusik begleitet und dauert so lange, bis sich eine Jungfrau findet, die den Junggesellen mit einem Kuss von seiner unrühmlichen Arbeit erlöst.
Der Brauch soll auf den Volksglauben zurückgehen, dass Menschen, die sich nicht fortpflanzen, nach ihrem Tod an einem unbequemen Ort sinnlose Arbeiten verrichten sollen. Natürlich gibt es auch eine weibliche Variante: Ledige Frauen, die die 30 erreichen, müssen die Domtürenklinken putzen.
Die ganz Jungen beschäftigt ein Brauch, der auf einen ganz bestimmten Tag festgelegt ist: Am Abend des Nikolaustages am 6. Dezember sind in Bremen wie überall in Norddeutschland kostümierte Kinder unterwegs und bitten in Häusern und Geschäften um Bonbons oder um Bonschen, wie der Bremer sagt. Das Nikolauslaufen, auch "Sunnerklauslaufen" genannt, geht vermutlich zurück auf einen katholischen Brauch, bei dem Dom- und Klosterschüler bei Umzügen um milde Spenden baten.
Apropos Kinder: Außenstehende könnten denken, dass der Bremer keine besonders gute Kinderstube genossen hat, denn man sieht ihn oftmals spucken. Dabei ist das nur alte Tradition: Ein Bremer, der seine Heimatstadt verlässt, spuckt zur Sicherheit in die Weser – damit er auch ganz bestimmt wiederkommt.
Einen ganz anderen Grund hat das Spucken auf dem Domshof. An der Nordseite des Doms liegt der sogenannte Spuckstein im Pflaster. Genau hier wurde die Serienmörderin Gesche Gottfried, die ihre Opfer mit Arsen tötete, 1831 enthauptet – bei der letzten öffentlichen Hinrichtung in Bremen. Als Zeichen der Verachtung für diese Taten wird nun auf den Stein gespuckt. Vor dem Zweiten Weltkrieg kratzten übrigens mutige Gegner des Nationalsozialismus ein Hakenkreuz in den Spuckstein. Das wurde allerdings sehr bald bemerkt, der Stein wurde entfernt und einige Jahre später frisch poliert wieder eingesetzt.
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